Gedanken des ehemaligen Dirigenten Horst Welter zum 175jährigen Jubiläum des Offenbacher Oratorienchors

Als ich im Jahre 1949 nach einer wohlgelungenen Chorprobe des "Schicksalsliedes" von Brahms zum Dirigenten des Offenbacher Oratorienchores gewählt wurde, kam es mir damals wohl kaum zum Bewusstsein, dass dies der Beginn einer fast lebenslänglichen künstlerischen Tätigkeit sein würde. Ein Wirken lag damals vor mir, das ich sofort mit Feuereifer begann, hatte ich doch nach einer siebenjährigen auferlegten Soldatenzeit auf diesen Augenblick immer wieder gehofft. Ich hatte endlich freie Hand, das, was alles in meinem Herzen schlummerte, in die Wirklichkeit umzusetzen.

Diese Wirklichkeit bedeutete nicht nur, jeden Montag an einem der großen Musikwerke der Oratorienliteratur zu arbeiten, sondern auch daran zu denken wie der Sängerverein eine Portion Schulden meines Vorgängers wieder loswerden könnte. So wurde versucht, dem einstmals glanzvollen Namen des Chores neue Impulse hinzuzufügen. Man wurde auch auf kammermusikalischem Gebiet aktiv und konnte nach kurzer Zeit die 100. Matinee verzeichnen. Die äußeren Umstände der damaligen Zeit waren ziemlich günstige, sehnte sich jeder nach dem grausigen Krieg außer der Sorge um das tägliche Brot auch nach geistiger Kost. Ausführende Künstler gab es genug; der neue Dirigent brauchte nur auf seine vielen Freunde und nicht zuletzt auf die schauspielernde damalige Ehefrau zurückzugreifen. Oft sind im Oratorienchor Künstler aufgetreten, die damals noch unbekannt waren, später aber zu Weltruhm gelangten, wenn man an die Altistin Christa Ludwig oder die norwegische Sopranistin Ingrids Bjoner denkt, die später an der Münchner Staatsoper Triumphe feierte.

Der Alltag eines Dirigenten bestand des öfteren in der Gewinnung der notwendigen Chormitglieder, wobei die Männerstimmen stets unter einem zahlenmäßigen Manko litten. Das bedeutete auch, Ausschau zu halten nach ähnlich gearteten Chören, die gewillt waren, mit uns gemeinsam Konzerte zu geben. Alte Freundschaften mit dem Hanauer Chor wurden erneuert, wobei die neu angeknüpfte Freundschaft mit dem Chor aus Fulda zu einem besonderen Höhepunkt wurde.

Der Alltag brachte auch in Offenbach selbst interessante Möglichkeiten, wobei an erster Stelle die enge Verbindung zum Musikhaus André genannt werden muss.

Das Auf und Ab im Alltagsleben war stets erfüllt von den Wundern der großartigen Werke der Oratorienliteratur, wobei Beethovens 9. Symphonie und Carl Orffs "Carmina Burana" mit je 15 Aufführungen in meiner Dirigentenzeit zu markanten Ereignissen wurden.

Auch in gesellschaftlicher Hinsicht war der Oratorienchor nicht untätig. Viele Reisen bis ins ferne Rumänien sind noch heute manchem Mitglied in schönster Erinnerung. Auch die Verbindung zu dem Oratorienchor in Mödling bei Wien muss erwähnt werden. Bis auf den heutigen Tag bestehen Freundschaften, die sich aus der musikalischen Verbindung ergeben haben.

Meine eigene Dirigententätigkeit entwickelte sich aufs Schönste. Ich konnte Konzertreisen nach Holland, England, Tschechien, Ungarn und Polen unternehmen; hier entstanden ebenso herzliche Freundschaften. Die lebendige Verbindung zum Kirchenchor Bad Orb muss dankbar erwähnt werden.

Eine künstlerische Tätigkeit ging nach 41 Jahren zu Ende, eine musikalische Tätigkeit, die mir Offenbach zur zweiten Heimat werden ließ und heute eine wunderbare Erinnerung in meinem Leben bedeutet. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, die rührende Anhänglichkeit vieler Mitglieder dankbar zu erwähnen.

Auch heute gilt noch immer das Gedächtnis der Fürsorge für den Chor, der seit Beethovens Zeit eine reiche Vergangenheit aufzuweisen hat und dessen Tradition sorgsam gepflegt werden muss. Meine herzlichsten Gedanken sind immer lebendig, solange Gott mir dieses Leben vergönnt.


Horst Welter

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