Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Offenbach

Eine Gelegenheit wie diese, dem Offenbacher Oratorienchor zu seinem großartigen 175-jährigen Jubiläum ein Grußwort für die Festschrift zu geben, nehme ich sehr gerne wahr. Drei Tage vor dem offiziellen Gründungsdatum der damals noch als Sängerverein eingetragenen Klangformation vermeldete bereits das "Privilegirte Offenbacher Frag- und Anzeige-Blatt" in seiner Ausgabe Nr. 29 am Freitag, dem 21.07.1826: "Es ist am vergangenen Mittwoch Nachmittag ein Notenbuch, von Mühlheim bis durch das Rohr, verloren gegangen; der redliche Finder wird gebeten, dieses Buch, gegen ein angemessenes Douceur an die Expedition dieses Blattes abzugeben."
Ganz sicher war dieser Verlust keinem der Mitglieder des am 24.07.1826 gegründeten Sängervereins, des heutigen Oratorienchors, passiert, denn wenn ich mir heute, 175 Jahre nach diesem Ereignis, die Geschichte des Chors betrachte, so kann ich mit Fug und Recht sagen, dass wohl alle Mitglieder ihr Notenbuch immer fest in den Händen gehalten haben. Nur so lassen sich die vielen großartigen Aufführungen und Erfolge erklären, mit denen der Oratorienchor in dieser langen Reihe von Jahren nicht nur das Offenbacher Publikum erfreut und überrascht hat.

Wie sehr sich der Sängerverein mit Offenbach identifizierte, zeigen auch die in den Protokollbüchern stehenden großen Offenbacher Namen, wie d'Orville, André und Pirazzi. Der Chor zählte, in der Zeit der Industrialisierung um die Jahrhundertwende, in der sich auch unsere Stadt sehr entwickelte, stattliche 368 Mitglieder, davon 200 passive. Eine solche Zahl zeugt auch von der gesellschaftlichen Aufgabe, die neben der musikalischen ein grundlegendes Element für den Zusammenhalt des Vereins gewesen ist.

Die Wege des Oratorienchors waren oft steinig und beschwerlich. Mit besonderer Bitterkeit erinnert man sich an die Jahre der sogenannten Gleichschaltung von 1933 bis 1945. Unter dem ehrenwerten Musikdirektor Horst Welter wurde dann 1949 ein neues Kapitel aufgeschlagen. Er leistete kompetent und sensibel die wichtige Aufbauarbeit und führte dazu den Chor zu musikalischen Höchstleistungen. Es war eine ganze "Ära Welter" in der 41 Jahre lang das kulturelle und musikalische Leben in Offenbach geprägt wurde. Nun sind es 175 Jahre Offenbacher Oratorienchor, ein stolzes Jubiläum, zu dem ich, auch im Namen des Magistrats der Stadt, sehr herzlich gratulieren darf.

Mit bewundernswertem Engagement hält der Oratorienchor das hohe Niveau seiner Darbietungen und akzentuiert so auch die Musikkultur der Stadt. Das ist deshalb so bewundernswert und auch vorbildlich, weil es heute auch gilt, sich in dem von den Medien geprägten Zeitalter zu behaupten und als Gemeinschaft zu beweisen. Ein Chor überlebt allerdings nur aus diesem Geist heraus. Sie jedenfalls halten das so. Diesen Zusammenhalt, das gemeinsame, große Musikerleben und die Kraft, die Musik nach außen zu tragen, noch für viele, viele Jahre, das wünsche ich Ihnen für die Zukunft.

Herzlichst Ihr


Gerhard Grandke, Oberbürgermeister

Zurueck